Mittwoch, 18. März 2020

Gold wird jetzt auch gehamstert

Nach Nudeln und Toilettenpapier hamstern die Deutschen offenbar auch Gold. Zeitweise waren Münzen und Barren in etlichen Onlineshops bereits ausverkauft. So konnte man bei Degussa Goldbarren am Dienstagmorgen nicht mehr bestellen. Dabei waren sowohl die Barren zu einer Feinunze, als auch Minibarren zu einem Gramm oder Kilo-Barren ausverkauft. Auch die Goldmünzen waren teils ausverkauft. Krügerrand, Wiener Philharmoniker und der kanadische Maple Leaf waren auf der Website nicht mehr verfügbar.

Wie das Unternehmen mitteilte, befinde man sich im „Ausnahmezustand“. Gleichzeitig sei der Andrang der Kunden enorm. Vor den am Montag noch geöffneten Geschäften bildeten sich lange Schlangen. Offenbar wollen viele Menschen sich mit dem wertbeständigen Edelmetall eindecken. Dabei sieht es an den internationalen Edelmetallmärkten gerade ganz anders aus.

Goldpreis um 15 Prozent gesunken

Viele institutionelle Investoren haben Gold zuletzt abgestoßen. Wurden vor wenigen Wochen noch neue Rekorde beim Goldpreis erzielt, fiel er in dieser Woche um fast 15 Prozent. Nur die privaten Käufer stürzen sich derzeit auf das gelbe Edelmetall.

Auch Proaurum, der zweite bekannte Goldhändler in Deutschland, bemerkt die Auswirkungen der Corona-Krise. Der Webshop des Unternehmens war am Dienstagmorgen zeitweise nicht erreichbar. Robert Hartmann, Chef bei Proaurum, erklärte, dass Hunderttausende Aufrufe stattfanden und dies von den IT-Systemen einfach nicht geschafft werde.

Bei vielen anderen Online-Edelmetallhändlern ergibt sich ein ähnliches Bild: Sie haben in den frühen Morgenstunden bereits so viele Bestellungen erhalten, wie sonst über einen ganzen Tag verteilt. Filialen von Edelmetallhändlern werden von Kunden besucht, so dass sich lange Schlangen bilden, um noch die Chance zu erhalten, sich vor Ort mit Gold einzudecken.

Lohnt sich der Goldkauf in der Corona-Krise?

Viele Menschen sehen in Gold einen sicheren Hafen. Aber Experten sind sich uneins darüber, ob der Goldkauf in Corona-Zeiten wirklich sinnvoll ist. So hat das gelbe Edelmetall ähnlich hohe Wertschwankungen wie Aktien. Aber es wirft keine Zinsen und Dividenden ab und es gibt keinen Anspruch auf eine Rückzahlung oder ähnliches.

Privatleute können Gold eher als Krisenversicherung nutzen, weniger jedoch als klassische Geldanlage. Diese Personen hoffen darauf, dass sie im Notfall noch mit kleinen Barren und Münzen bezahlen können, wenn alles andere zusammenbricht.

Es gibt keinen Grund, Gold zu hamstern

Wie bei Lebensmitteln und Co. raten auch Experten für Edelmetalle davon ab, sich panisch mit Gold einzudecken. Es gibt keinen Grund dafür, „die Finanzmärkte stehen nicht vor dem akuten Zusammenbruch“, so Wolfgang Wrzesniok-Rossbach, der schon einige Goldhypes erlebt hat. Der Stratege der Dresdner Bank und der Heraeus Metallhandelsgesellschaft, der bereits als Geschäftsführer von Degussa Goldhandel arbeitete und derzeit Chef des Beratungshauses Fragold.de ist, sieht keine Notwendigkeit, Gold zu hamstern.

Er verdeutlichte die Situation mit einem Blick auf die internationalen und institutionellen Märkte. Viele von ihnen brauchen dringend Bargeld, um Nachschuss-Verpflichtungen aus Termingeschäften zu erfüllen. Alles, was noch Wert hat, wie etwa Gold, wird dafür verkauft. Auch die Nachfrage aus China und seitens der Zentralbanken präsentierte sich zuletzt schwach. Das wirkt sich unmittelbar auf den Preis aus, denn den massiven Verkäufen großer Anleger stehen nur geringe Nachfragen der Privatkäufer gegenüber.

Die sinkenden Preise könnten Privatanleger daher für den Einstieg in Gold nutzen, aber eine begründete Angst vor einem totalen Goldmangel ist derzeit nicht gegeben.

Barrenhersteller kommen mit Produktion nicht nach

Prinzipiell gibt es auf dem Markt genügend Gold. Die jetzt stark nachgefragten kleinen Barren und Münzen sind aber kaum noch verfügbar, auch deshalb, weil die Hersteller ihre Produktion herunterfahren müssen oder die sonst für Engpässe genutzten Aushilfen durch geschlossene Grenzen nicht mehr bekommen.

Daher werden derzeit Prioritäten gesetzt, was wann in welchen Mengen mit den vorhandenen Ressourcen hergestellt werden kann. Bei Heraeus konzentriert man sich derzeit auf gegossene Barren ab 100 Gramm Gewicht. Barren mit weniger als 50 Gramm werden in der Produktion nach hinten geschoben.

Lieferverzögerungen durch Grenzschließungen

Die Auslieferung der Barren, die tatsächlich gefertigt werden, kann sich durch die verschärften Grenzkontrollen jedoch ebenso verzögern. Zwar seien die meisten Lieferketten noch intakt, allerdings kann sich dies ebenso schnell ändern, wie fast alles in diesen Tagen.

Durch die hohe Nachfrage und die Lieferengpässe wird Barrengold für Privatanleger auch zunehmend teurer. Inzwischen sind die Aufschläge, die die Händler auf den eigentlichen Goldpreis erheben, auffallend hoch. Und die Kunden nehmen die trotz sinkendem Goldpreis höheren Beschaffungskosten für Goldbarren in Kauf.

 

© WEGHV Redaktion